Jeder verdient eine digitale Identität

Hannah Brown

Quelle: iStock

Laut einer Analyse eines US-amerikanischen Anbieters für Identitätsmanagement hat der durchschnittliche Internetnutzer rund 90 Online-Konten. Rechnet man verschiedene physische Identitäten hinzu, wie staatliche Personalausweise, Supermarkt-Bonuskarten und Bibliotheksausweise, dürften wir wohl bei glatten 100 Identitäten landen. Das Problem an dieser Situation ist nicht die Vielfalt an Konten oder Identitäten, sondern das geringe Maß an Sicherheit und Verlässlichkeit.

Sicherheit dreht sich um die folgende Frage: Wie einfach ist es für jemand anderen, Ihre Identität zu übernehmen? Dieselbe Kombination aus E-Mail-Adresse und Passwort, die Sie für Ihre anderen 99 Konten verwenden? Biometrie? Zwei-Faktor-Authentifizierung? Oder vielleicht bloß die Kenntnis Ihrer Identitäts- oder Kontonummer, wie im Fall der US-Sozialversicherungsnummer?

Verlässlichkeit geht Hand in Hand mit Sicherheit, sucht aber nach Antworten auf eine leicht andere Frage: Wie sicher kann der Dienstleister sein, dass Sie nicht versuchen, sich online als jemand anderes auszugeben? John Doe kann in einem Online-Forum ein Konto mit dem Nutzernamen „Jane Moe” anlegen und niemand würde etwas merken. Stellen Sie sich vor, Sie könnten Personalausweise auf dieselbe Weise erstellen – laden Sie Ihr Lieblingsfoto (von sich selbst oder irgendjemandem) hoch, wählen Sie einen Namen, ein Geburtsdatum usw. und drucken Sie ihn zu Hause aus. Der Wahnsinn.

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Unser digitales Haus in Ordnung bringen

Sie ahnen, worauf das hinausläuft. In der EU haben wir eine Verordnung namens eIDAS, die die verschiedenen gültigen Vertrauensstufen umreißt. So sehen die drei Stufen aus: „Niedrig” gilt für die Selbstregistrierung ohne jegliche Identitätsprüfung, wie es heute bei Online-Foren üblich ist. „Substanziell” basiert auf zusätzlichen Authentifizierungsschritten wie verifizierten Identitätsdaten und der Aktivierung eines Kontos per Einmalpasswort, das an Ihr Telefon gesendet wird. „Hoch” ist der persönlichen Registrierung in einer akkreditierten Stelle (z. B. der Behörde, die in Ihrem Land Personalausweise ausstellt) vorbehalten. Diese Stufen werden auch als „einfache”, „fortgeschrittene” und „qualifizierte elektronische Signaturen” bezeichnet, kurz „SES”, „AES” oder „QES”.

eIDAS erlaubt es durchaus, eine sichere, bequemere und nahtlose Umgebung für grenzüberschreitende Transaktionen zu schaffen; bislang werden die meisten Dienste jedoch weiterhin nur inländisch bereitgestellt. In Estland und einer wachsenden Zahl weiterer Länder können wir unsere elektronische Identität nutzen, um uns bei digitalen Behördendiensten und Angeboten des privaten Sektors wie Banken oder Online-Shops anzumelden. Und wir können damit qualifizierte elektronische Signaturen leisten, die handschriftlichen Unterschriften gleichgestellt sind – für jede Art digitaler Datei, um online unsere Absicht zu bekunden: ob es sich um einen Vertrag, einen Antrag, ein Foto oder ein Architekturmodell handelt, digitale Signaturen sind papierbasierten Unterschriften rechtlich gleichgestellt.

Dank e-Residency können Menschen aus der ganzen Welt heute eine digitale Identität erhalten, die von der estnischen Regierung ausgestellt wird, und diese wie estnische Staatsbürger für Authentifizierung und Signaturen nutzen. Die Schönheit der eIDAS-Verordnung liegt in der Anforderung an die grenzüberschreitende Anerkennung einer bestimmten Vertrauensstufe elektronischer Identitäten und Signaturen – wodurch Menschen und Unternehmen online miteinander interagieren können.

Quelle: e-resident.gov.ee/dashboard

Wir sprechen noch immer zu wenig miteinander

Hier wird es allerdings schwierig. In einigen Ländern wie Deutschland hat die Regierung schlicht versäumt, eine kostenlose und kompatible Lösung für digitale Signaturen bereitzustellen. Infolgedessen haben Unternehmen den Markt für digitale Signaturen mit einer Vielzahl von Lösungen überschwemmt. Einige davon haben teure monatliche Abonnements, andere die UX einer Kartoffel, und viel zu viele sind schlicht nicht miteinander kompatibel. Das Ergebnis ist einfach: Sowohl die deutsche als auch die estnische Regierung operieren unter der eIDAS-Verordnung – wenn Sie aber glauben, dass irgendeine deutsche Behörde eine PDF mit einer estnischen digitalen Signatur anerkennt, dann haben wir eine Brücke in Brooklyn zu verkaufen.

Selbst für technologisch fortgeschrittenere Länder wie Norwegen ist die aktuelle Lage schwierig. Es ist einem Norweger nicht möglich, viele estnische E-Services zu nutzen, weil er zwar ein Werkzeug besitzt, mit dem er sich beim E-Service anmelden kann, aber keinen Antrag stellen kann, da er keine Möglichkeit zur digitalen Signatur hat. Ebenso ist es einem Norweger und einem Esten nicht möglich, einen Mietvertrag auf die Art zu unterzeichnen, wie wir es in Estland tun, weil die in Norwegen am weitesten verbreiteten Werkzeuge keine Möglichkeit zur Unterzeichnung bieten.

Nach dem Prinzip der Vertragsfreiheit kann ein Vertrag natürlich auch per E-Mail geschlossen oder durch das Einfügen eines Bildes der eigenen Unterschrift in ein PDF bestätigt werden. Bei solchen Bestätigungen kann jedoch nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass die Person, mit der die Transaktion abgeschlossen wurde, tatsächlich diejenige war, mit der sie beabsichtigt war. Auch die eIDAS-Verordnung, die zur Anerkennung von E-Signaturen unabhängig vom verwendeten Anbieterwerkzeug verpflichtet, hilft hier nicht weiter.

Deshalb ist die E-Signatur in jedem Land etwas anders geregelt. Estland hat sich in Richtung einer hoch zertifizierten und kryptografisch fundierten E-Signatur bewegt, während in anderen Ländern auch der Name unter einer E-Mail oder ein Klick unter einer Willenserklärung als E-Signatur gilt. Zudem wird zunehmend nur noch die Authentifizierung verwendet, sodass die Person danach keine Unterschrift mehr abgeben muss.

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Die digitale Nadel im papierbasierten Heuhaufen finden

Deshalb ist die Nachfrage nach einer universellen digitalen Identität stark und stetig wachsend. Vor kurzem feierte Estland die Registrierung seines 100.000. e-Residents und die Gründung des 25.000. estnischen Unternehmens durch e-Residents. Die Antragstellenden sind so vielfältig, wie man sich nur vorstellen kann: Unternehmerinnen und Unternehmer aus der EU-Peripherie (wie der Ukraine und dem Vereinigten Königreich) schätzen das digitale Ökosystem ebenso wie bürokratische Flüchtlinge aus dem Inneren (wie Deutschland und Italien). Es gibt e-Residents aus Bhutan, Lesotho und Grenada – die alle nicht von Estlands Naturschönheiten angelockt wurden (obwohl es davon reichlich gibt), sondern von den Möglichkeiten, die eine weit verbreitete elektronische ID bietet.

Andere Länder haben den Trend aufgegriffen und bieten Produkte an, die e-Residency ähneln. Der Grund ist einfach: Digitale Unternehmerinnen und Unternehmer schaffen erheblichen finanziellen und kulturellen Mehrwert. Allein im ersten Halbjahr 2022 nahm der estnische Staat 24 Mio. € an Steuereinnahmen von e-Residents ein. Für ein kleines Land mit 1,3 Millionen Einwohnern ist das eine ordentliche Summe.

Man kann sich die Vorteile einer globalen digitalen Gesellschaft mit kompatiblen elektronischen Identitäten und Signaturen leicht vorstellen. Ihre verschreibungspflichtigen Medikamente auf Reisen im Ausland abholen, Ihren akademischen Werdegang bei der Eröffnung eines Bankkontos in einem anderen Land nachweisen oder Verträge zwischen Vorstandsmitgliedern unterzeichnen, die überall auf der Welt ansässig sind … All das ist keine Science-Fiction. In den letzten Jahrzehnten haben Fachleute aus dem öffentlichen und privaten Sektor in ihren jeweiligen Weltregionen die Saat für die digitale Transformation gelegt. Elektronische Identitäten und digitale Signaturen sowie Dienste, die diese Werkzeuge in ein attraktives Paket schnüren – wie e-Residency – sind die ersten kleinen Anzeichen einer aufblühenden digitalen Welt. Machen Sie sich nichts vor: Da kommt noch viel mehr.

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e-Residency Estlands ist eine staatlich ausgestellte digitale Identität, die globalen Unternehmerinnen und Unternehmern den Fernzugang zum digitalsten Land der Welt ermöglicht. Sie bietet die Möglichkeit, sich online sicher zu authentifizieren und Dokumente mit den sichersten und effizientesten elektronischen Signaturen zu unterzeichnen. Zudem können Sie ein Unternehmen zu 100 % online von überall aus gründen und führen.

Ich bin seit 2016 selbst e-Resident und habe damit Unternehmen gegründet, Verträge und Petitionen unterzeichnet und meine privaten Daten verschlüsselt, sodass nur ich sie mit meiner ID-Karte entsperren kann. Vor allem aber habe ich Freundschaften geknüpft und Erinnerungen fürs Leben geschaffen. Ich lade Sie ein, Teil der aufgeschlossenen, innovativen Community von Nomadinnen, Nomaden und Unternehmerinnen und Unternehmern zu werden.

Verfasst von: Florian Marcus (Project Manager) und Laura Kask (CEO) von Proud Engineers

Bearbeitet von Martin Nørgaard Gregersen (CTO) von sign.online

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